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Blog


Dies ist eine Seite für Artikel verschiedener Verfasser/innen, welche über ihre Erfahrungen mit Zen und Meditation und allgemein über ihr Leben in Zeiten des Corona-Virus berichten.

Beiträge werden gerne erwartet unter info@zendo-staefa.ch .

Die Blogs sind chronologisch angeordnet - das neueste zuoberst.


1. April - Monica Bürki

Letzten Januar kam eine leere 3-Zimmer-Wohnung mitten in den Toggenburger Bergen „einfach so“ zu mir. Ein Geschenk das Lebens. Noch immer schwingt Leere in ihr; einige wenige Möbel fanden Platz. Als die Zeit des Lockdowns kam, war diese „Klause“ genau rechtzeitig so weit bereit, eine, zwei oder drei Personen aufzunehmen für eine Weile. Zum Dasein, Stillsein, Meditieren oder auch nicht, Spazieren, vielleicht zum Musizieren, zum Schreiben, zum Kochen, Essen, Reden, Schweigen.

In diese Wohnung und an diesen Ort zog es mich die letzten fünf Tage. Derweil meine Familie in Stäfa blieb. Unsere Teenager-Mädchen arbeiten von zuhause aus für die Schule. Mein Mann arbeitet als Lehrer ebenfalls von zuhause aus. Dank technischer Möglichkeiten ist mir das Arbeiten von hier aus teilweise möglich. So kam es zu einer mir geschenkten Zeit in diesem Refugium.

Von verschiedenen Seiten wurde ich gefragt, ob es meiner Familie gutgehe - in dieser speziellen Zeit - so ohne mich? Ob wir einander nicht vermissen würden. Das mag sein. Und doch: es fehlt nichts. Es ist gut, hier zu sein. „Allein“. Und gleichzeitig in Verbundenheit. Diese Zeit, in der viele Menschen in ihrer Geschäftigkeit innehalten, bringt vieles klarer an den Tag. Sie fordert mich nochmal anders und durchdringender, meine Vorstellungen und Ideen, „wie etwas sein sollte“, ganz zu lassen. Was ist eine „gute Ehe“? Was ist eine „gute Mutter“? Was ist eine „ganze Familie“? Was ist eine „Meditierende“? Was ist eine „Zenschülerin“? Ich weiss es nicht. Ich habe keine Ahnung.
 
In diese Ahnungslosigkeit falle ich hinein, geht durch sie hindurch - und weiter. Da gibt es keinen vorgegebenen Weg mehr. Da, wo meine Vorstellungen von allem enden - von dem was ich dachte, annahm, und zu sein meinte. Da beginnt es: jeden, wirklich jeden Moment genau spüren, was JETZT zu tun ist



28. März - Peter Schwegler


Sitzen geht auch mit einer Behinderung.
Seit Januar leide ich an einer neurologischen Störung. Die stärkste Auswirkung davon ist, dass ich nur noch undeutlich sprechen kann, was für mich sehr anstrengend ist und vom Gegenüber volle Konzentration zum Verständnis erfordert. Zudem habe ich im Gesicht Zuckungen, die ich kaum kontrollieren kann.

Was hat das alles mit Zen und unserer Zen Praxis zu tun? Nachdem ich die publizierten Blogs gelesen hatte, dachte ich, dass ich keinen passenden Beitrag schreiben könne und blockierte mich damit selbst. Dann fragte ich mich, weshalb mein Beitrag passend sein muss – was immer das heisst – und löste damit meine Blockierung.

Es stellte sich die Frage, ob ich mit meiner Behinderung Zazen üben könne. Wieder musste ich mich von einer Vorstellung lösen. Sitzen heisst absolut ruhig, bewegungslos sitzen, ruhig und achtsam atmen. Beides gelingt mir zurzeit nicht. So beginne ich das Sitzen mit der Lektüre eines Textes. Dann sitze ich «zappelnd» auf meinem Stuhl und versuche zur Ruhe zu kommen. Nach einer gewissen Zeit kann ich Stille wahrnehmen und komme mehr zur Ruhe. Das gibt mir die Kraft, mit meiner schwierigen Situation weiter zu leben und weiter zu üben. Wie es weiter geht, weiss ich nicht – weiss niemand. Nicht Wissen.



24. März - Kathrin Stotz 
 

Gestern, bei unserem verbindenden Zoom-Sangha-Gespräch, zeigten sich all unsere verschiedenen Lebensumstände und Gefühlslagen – jeder und jedem von uns fällt ein „Schicksal“ zu, ohne dass wir es wählen können oder danach gefragt worden wären. Tiefes Gassho für das Teilen Eurer Gedanken und Gefühle!

Barbara hat mir geschrieben, eine Meditierende im Zendo Inneres Lind, die im Universitätsspital Zürich Covid-19-Patienten pflegt, jetzt und für lange Zeit – so lange wie PatientInnen kommen werden. Sie sucht das Gespräch, da sie voraussieht, was auf sie zukommt auf der Intensivstation und Angst davor hat. Angst, das Leid nicht ertragen zu können, das ihr begegnet, dem Stress nicht gewachsen zu sein, dem sie ausgesetzt ist, Angst vor Ansteckung und der Weitergabe an Angehörige. „Es ist Anhaftung, gegen die ich nichts machen kann“, schreibt sie mir.
 

Mich trifft ihr Ruf zutiefst: So ist es, wir sind in unserer Anteilnahme am Schicksal anderer und unserer selbst Sekunde für Sekunde der unfassbar starken Energie ausgesetzt, helfen zu wollen, leben zu wollen. Dies ist die Grundlage unseres Lebens, die Voraussetzung von Verbundenheit und Engagement. Aus der Sorge um uns selber können wir als Menschen auf andere schliessen und sind bereit, ihnen zu helfen. Ich hoffe, dass diese Anhaftung nie versiegt, denn sie ist der Ursprung der Liebe. Ich spüre, wie das Zen, wenn wir mitten hineingeworfen werden in Leid und Stress und es nicht nur von Ferne, auf dem Kissen bedenken, ein anderes Gesicht erhält, und dass Ideen von Unberührbarkeit und Souveränität abfallen. Nein, die Verwundbarkeit, die Angst, traumatisiert zu werden, die Erschütterung – sie gehören dazu, sie sind ES. Nicht wer solche Gefühle nicht mehr kennt, lebt Zen, sondern wer ganz von ihnen durchdrungen ist, sie sieht in ihrer Tatsächlichkeit und in ihrem Potential, uns auf den Grund des Herzens zu leiten.

Barbara fragt mich nach einem Zen-Satz, einem Mantra, das sie meditativ verwenden kann im Alltag. Mir kommen die Leitsätze von Bernie Glassman in den Sinn: Not knowing, bearing witness, loving action. Nicht wissen – wir sehen nichts voraus, und kennen unser Schicksal nicht – sich dem Nichtwissen anvertrauen. Zeugnis ablegen – da sein, mitfühlen, die Hilflosigkeit bezeugen. Loving action – liebendes Handeln – das was die Pflegefachfrauen und -männer jeden Tag tun. Barbara möchte diese Worte auf eine Karte schreiben und sagt dazu: "So ist es wirklich. Das beruhigt mich sehr – Mitgefühl leben zu dürfen. Die Ängste sind da. Ich versuche sie sein zu lassen, wie ein Möbel in einem Raum."
 

23. März - Iren Meier

Jeden Morgen ein kleines Gedicht. Ich lese, suche, finde es und schicke es einem Freund. Ein leiser Dialog zwischen uns. Heute sind es die Worte von Gioconda Belli, der Lyrikerin aus Nicaragua.

Ich sage Dir,
dass die Solidarität
eine Zärtlichkeit
der Völker ist.

Solidarität. Ein Grundprinzip menschlichen Zusammenlebens. Die Haltung der Verbundenheit. Bei jeder Pressekonferenz der Behörden wird an sie appelliert. In unserem eigenen Sprachgebrauch taucht sie - zeitweise verschollen - wieder auf. Solidarität zwischen den Generationen, zwischen den Starken und den Schwachen. Mein Eigenes zurückstellen zugunsten des Anderen, des Nächsten. So schwer. Bei Familie und Freunden mag es noch gehen. Aber je grösser der Radius wird, umso schwerer, umso abstrakter.
Vielleicht weitet diese verstörende Erfahrung, die wir hier nun machen, unseren Blick und stärkt unsere Fähigkeit zur - jetzt lebenswichtigen - Solidarität. Im Radio hat eine Frau gesagt: sie befinde sich nun seit ein paar Tagen in der Isolation. Und beschrieb ihren Raum mit „Haus, Garten, Spaziergängen und hin und wieder Einkäufen und virtuellem Kontakt mit Enkelkindern und Freunden.“ Die Ehefrau eines politischen Gefangenen im Teheraner Evin Gefängnis sagte etwa zur gleichen Zeit: „Mein Mann existiert seit 1000 Tagen in einer winzigen, schmutzigen Zelle, isoliert, unter uns nicht vorstellbaren Bedingungen. Keine Sonne. Kein Himmel. Keine frische Luft. Keine Seife, kein sauberes Wasser. Keine Matratze, nur Tücher am Boden.“
Die Zärtlichkeit der Völker. Mich berührt dieses Bild. Und ich verbinde es mit Kathrins Zeichnungen vom 19. März in diesem Blog. Ich mag das Bild, weil es Grenzen und Trennung aufhebt. Weil es sanft ist. Und leise. In dieser unverhofften äusseren Stille kann man weit hören. Und in der Abwesenheit äusseren Alltagslebens weit sehen. Sehr weit. Das Erleben meiner eigenen Verletzlichkeit steht momentan im Zentrum. Meine Gedanken kreisen um mein Befinden. Aber der Stillstand und die Stille ermöglichen mir, dass meine Antennen noch ganz anderes wahrnehmen. Vielleicht auch die Verwundung jener, von denen ich bisher nur gehört und gelesen habe. Die nur aus weiter Ferne als Nachricht oder Bild meine Ohren und Augen streiften. Und selbst das störte oft. Doch ganz leise, in aller Stille löst sich diese Ferne auf, die Distanz schrumpft zusammen und alles ist, alle sind da.
Morgen werde ich dem Freund dieses Gedicht von Helena Aeschbacher-Sinecka schicken. Die Dichterin lebt seit Jahren zurückgezogen, fast als Einsiedlerin, im Kloster Kappel am Albis.

Die Stille
müssen wir in uns tragen
wie das Meer
wie den Himmel
wie das Licht



22. März - Romano Locatelli

Was ich denke ist überholt. All meine Gedanken werden überdacht, und schlussendlich ist auch dies nicht mehr wahr, nicht mehr relevant. Jetzt, habe ich auf einmal mehr Zeit. Das Zendo ist geschlossen, Fitness und all meine Freizeitbeschäftigungen sind nicht mehr aktuell - was für ein Wunder.

Ich arbeite weiter in meiner Spitex, die noch bedeutender wurde, da sie in der Grundverorgung der Mitmenschen eine Stütze ist. So ein Glück, dass ich helfend begleiten darf. Wer hätte das gedacht, dass wir Pflegfachpersonen so geehrt werden. Durch meinen Kollegen bekomme ich Mundschutze, Handschuhe und Desinfektionsmittel auf Vorrat.

Dafür habe ich jetzt ZEIT bekommen, ganz gemäss dem Spruch: "Bedenke wie kostbar es ist…" Es bleibt der Moment des JETZT, auch wenn er bei mir noch in der Vergänglichkeit hin und her fliesst. Da ist keine Angst, da ist das Herz, das sich öffnet und schliesst - und ist, wie es ist. Danke der Lehre, die mich trägt und mit Sinn erfüllt, die mich in diesem Chaos führt.
Romano



21. März - Thomas Albiez


Seit ich aus den Winterferien im Engadin Ende Februar zurück bin, hat sich kein «Alltag» mehr eingestellt. Gerade die letzte Woche bin ich einige Male auf die Probe gestellt und die Auffassung über mich selbst in Frage gestellt worden. Bisher glaubte ich zu wissen, was es bedeutet, nicht zu wissen, was kommt, …mich auf dieses Nicht Wissen, was der nächste Tag bringt oder wie eine Person auf Neuigkeiten reagiert, einstellen zu können. Gerade denke ich, dass es die Erfahrung ist, Erfahrung aus Vergangenem, bereits Erlebten, auf welche ich zugreife, um mit diesem Nicht – Wissen umgehen zu können. Also kein Nicht-Wissen sondern eher Selbsttäuschung oder einfach eine Floskel?
 
Jetzt gibt es keine Erfahrung, nichts Vergleichbares, nicht zuvor Erlebtes auf das ich zugreifen kann. Und plötzlich tut sich da ein Nicht – Wissen auf, Nicht- Wissen wer ich bin und was ich bin und mit Reaktionen meinerseits konfrontiert und überrascht….

In einer der unzähligen Instruktionen, die ich letzte Woche mit dem Pflegepersonal durchführte, äusserte ich mich dahingehend, dass wir uns bisher immer gewohnt sind, genügend Material zu haben. Uns immer an die State of the Art Gesetzmässigkeiten halten konnten. Jetzt gilt es zu Improvisieren, einen Weg zu finden, zwischen grösstmöglicher Sicherheit bei sparsamen Umgang mit Ressourcen, bzw. keinen Ressourcen mehr. Das sind wir hier in der Schweiz nicht gewohnt. Aber wir werden nun damit rechnen müssen, das wir uns auch anders helfen müssen, mit weniger oder was auch immer. Wir wissen es eben nicht.


21. März - Dominique von Matt

Stundenlang las und hörte ich in italienischen und Schweizer Medien alle auffindbaren Berichte zur Krise, realisierte bald, welche Dimension die Pandemie erreichte und hoffte dabei auf irgendeine Nachricht zu stossen, welche Hoffnung geben konnte. Paradoxerweise waren es die Mitteilungen auf Whatsapp unserer italienischen Freunde, die „Testimonianze“ von KrankenpflegerInnen aus den betroffensten Spitälern in der Lombardei, die Berichte, die zeigten, mit wieviel Engagement, Fantasie und Warmherzigkeit gegen die Krise angegangen wird.

Ich teile Dieters Hoffnung, dass diese Pandemie den Weg zu einem neuen kollektiven Bewusstsein ebnen könnte; wir alle werden uns in dieser Zeit verändern. Dieses neue Bewusstsein könnte die Voraussetzungen schaffen für die Lösung der gigantischen Probleme, mit welcher die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten konfrontiert sein wird. Dennoch ist diese Pandemie momentan eine Katastrophe und muss als solche verstanden und bekämpft werden. Wir alle suchen wohl nach Möglichkeiten, einen Beitrag, und sei er auch noch so klein, dazu zu leisten.


21. März - Marco Bühler

Im Moment ist unser Empfinden zweierlei. Da gibt es das grosse Mitgefühl. Viele von uns erleben im Moment die körperlichen Grenzen, andere stehen in den Gesundheits- und Schaltzentralen vor überwältigenden Aufgaben, wiederum andere werden von zermürbenden Ängsten geschüttelt, viele stehen unausweichlich und mit voller Hingabe nach wie vor im Dienst der Gesellschaft oder wiederum andere erheben sich jeden Morgen in die Ungewissheit und gehen den verlangten nächsten Schritt. Jedem von uns gebührt damit aus der Tiefe des Herzens eine tiefe Verneigung der Wertschätzung für seinen Platz im einen Puzzle der sichtbaren Welt.

Und da gibt es gleichzeitig das grosse Gewiss-Sein, dass die Welt gerade ein so dringend benötigter Re-Set erfährt. Aus der Tiefe des Lebensflusses geschieht der Impuls, welcher alles Bisherige unterbricht. Er lässt uns bei Seite treten um die volle Wucht des Lebensfliessens passieren zu lassen. Da gibt es nichts zu verändern, nichts zu stoppen, nichts voranzubringen. Das Lebensfliessen gestaltet sich im Moment selber, es bahnt sich seinen Weg. Es gilt dies geschehen zu lassen. Und im Geschehen-lassen ergeben sich zwei grosse Chancen. Zum einen werden im vordergründigen Puzzle der sichtbaren Welt durch Entschleunigung und Kühlung Strukturen erkennbar, welche mehr der Natur des Lebensfliessens entsprechen. Und zum anderen besteht im Geschehen-lassen die Chance, die Optik auf das Leben verändert zu erleben.



21. März - Iren Meier


Wer es könnte
die Welt hochwerfen
dass der Wind
hindurchfährt

Hilde Domin hat dies vor Jahrzehnten geschrieben. Im Exil, in das die deutsche Jüdin während des Dritten Reiches flüchten musste. Dieses winzig kleine Gedicht, dieser Satz begleitet mich seit Jahren. Heute ist es, als sei die Bitte der Dichterin erhört worden.
Ich komme eben vom Markt im Quartier. Der Bauer ist wie jeden Samstag da, frühmorgens. Ein einzelner Stand, wie immer. Das ist auch jetzt erlaubt. Von weitem nehm ich nichts anderes wahr. Aufatmen. Kein Wind hat diesen kleinen lokalen Ausschnitt der Welt gestreift. Oder doch? Da gibt es eine Absperrung, eine dicke Plastikwand trennt Kunden und Verkäufer, das Gemüse und das Obst sind nur noch undeutlich zu sehen, die Etiketten der Konfitüre, die die Bauersfrau produziert, nicht mehr lesbar. Brombeer? Quittengelée? Der Verkäufer nimmt meine Tasche und wir gehen dem Stand entlang, er auf seiner Seite, ich auf meiner. Ich bestelle, er füllt ab. Schritt für Schritt. Konzentriert. Kein Hin und Her, kein: „Haben Sie nicht noch andere Äpfel“, kein: „Broccoli oder Salat, ich muss noch überlegen“. Wir sehen uns nur undeutlich. Aber wir sind einander ganz zugewandt. Der nächste Kunde wartet zwei, drei Meter weit entfernt. Niemand drängt. Am Ende der Schleuse sitzt der Bauer an einer improvisierten erhöhten Kasse, sie erinnert mich an eine Zirkuskasse. Sein Gruss ins Wochenende ist ein geschenkter Strauss Tulpen. Und ich trage meinen Schatz - eine Tasche, gefüllt mit frischem Gemüse und Früchten - nachhause. Ich hab dieses Privileg, quasi vor dem Haus gesunde Nahrung kaufen zu können, nie für selbstverständlich genommen. Aber diese tiefe Dankbarkeit hab ich noch nie gefühlt. Der Bauer schenkt in dieser verstörenden Zeit nichts weniger als verlässliche Fürsorge. Ich bin auf ihn angewiesen. Existentiell.

Hilde Domin hatte sicher nicht meinen Bauern im Blick oder den unspektakulären Alltag in einer friedlichen Schweizer Stadt. Aber der Wind fährt durch die ganze Welt hindurch. Durch alle Regionen und Länder. Auch dort, wo Windstille herrschte. Keine Grenzen respektierend. Ich nehme es in jedem Moment wahr. Wie alles abfällt. Auch das, was ich noch zu halten versuche. Radikal. Die Herausforderung: sich hinzugeben. Dem, was ist. Ein starkes Symbol sind all die Plastikwände, Plexiglasscheiben, Absperrungen, Abstände, die nun überall präsent sind. Zum gegenseitigen Schutz. Sichtbare, äussere Trennung, wo die Verbundenheit, wo die Einheit deutlicher wird als je. Sich aufhebender Widerspruch. Eine vielleicht zu grosse Herausforderung für viele. Nicht-Wissen. Nichts als offene Weite.

In dieser klingt Rose Ausländers Gedicht wie ein Gebet:

Und Wiesen gibt es noch
und Bäume
und Sonnenuntergänge
und Meer
und Sterne
und das Wort
das Lied
und Menschen
und

19. März - Hendrikje Posch

Der Corona-Virus lässt die Welt innehalten. Das erlebe ich, trotz allem Schwierigen auch als stimmig. Der Alltag ist auf das Existentielle zurückgefahren und es wird deutlich, wie wenig es an Dingen, Aktivitäten etc. tatsächlich braucht. Und der Corona-Virus zeigt uns eindringlich, wie kostbar dieses je eine einzigartige Leben ist. Damit wird auch direkt spürbar, wie verletzbar wir sind. Dabei geht es nicht um seelische Verletzbarkeit. Vielmehr scheint gerade jetzt im Frühling, wo sich das erste zarte Grün an den Ästen zeigt, weisse Anemonen den Waldboden wie einen hellen lichten Teppich überziehen, hier und da Schlüsselblumen in ihrem hellen Gelb hervorlugen, die Singvögel erwachen - so scheint gerade jetzt im Frühling der Kontrast besonders stark zu dem lebensbedrohenden Virusgeschehen, das noch so wenig fassbar in der Luft liegt. Langsam rückt es näher. Hier ist eine Schwester betroffen, dort ein naher Bekannter, man liest heute, auch die Pflegeberufe und Ärzte hat es erreicht. Bisher verlief es noch eingiermassen glimpflich - ob das so bleibt? Die Nachrichten aus Bergamo sind erschreckend und berührend. Können wir uns vom Tod berühren lassen?

Seit ein paar Tagen habe ich mich in Selbstquarantäne begeben. Eine gute Freundin ist betroffen. Möglicherweise trage ich den Virus. Aus der zunächst begrüssten Retraite und Leerzeit wird eine Erfahrung von Isolation. Und auch: ich bin nicht alleine damit. Wieviele befinden sich jetzt in Quarantäne? Weil sie betroffen sind? Oder aus Vorsicht? Weil sie alt sind? Oder krank und besonders verletzbar? Was mögen sie erfahren? Das menschliche Angewiesen-SEIN auf Kontakt, Austausch, Nähe, Berührung, Spiegelung, Verstanden werden, Angenommensein, Zugehörigkeit - das ganze soziale Wesen bäumt sich auf und meldet sich. Was hat das mit Zazen zu tun? Eben genau dies. Ob auf dem Kissen - alleine zuhause oder gemeinsam im Zendo oder mitten im Wald auf einem Baumstamm - es geht nicht alleine auch wenn da Niemand ist, und im All-Einen aufgehoben. In Notzeiten wie dieser, scheint mir, wird das Aufeinander-Angewiesen-Sein und die unendliche Verletzlichkeit soviel spürbarer. Alles ist gut. Und doch?

 

19. März - Kathrin Stotz

Du würdest nicht lange überleben als Einsiedler in der Natur, ausser Du hast bei Deiner Klause einen Fischteich angelegt und eine Angel im Haus! Mich dünkt, wir seien so vollständig aufeinander angewiesen und miteinander verbunden wie die einzelnen Zellen des Körpers. Sie unterscheiden sich voneinander und haben eine Membran, und diese ist durchlässig in beide Richtungen. Stoffe und Informationen zirkulieren unablässig, das Leben fliesst im Körper als ganzem. Und tatsächlich, die Wege des Austauschs sind jetzt etwas andere: das Telefon, die Medien drängen sich vor.

Das unablässige Fliessen spüre ich vermehrt in der momentanen Situation, in der sich die Wahrnehmung rasch ausgeweitet hat auf die ganze Welt, auf alle Menschen. Es zeigt sich in den Zeichnungen: bis vor kurzem beschäftigte mich das Thema des Mitfühlens mit einem mir nahen Menschen, sozusagen die mir nächste Zelle - darauf bezieht sich die Zeichnung links. Und nun plötzlich wird es komplexer, vielteilig, räumlich tiefer - man sieht es in der Zeichnung rechts. Alles ist mit allem verbunden in einer unbekannten Weise.

Die unendliche Komplexität des bedingten Entstehens, von dem im Zen die Rede ist, habe ich jetzt vor Augen. Und dabei ist es recht irritierend, dass wir eng verbunden sind und uns gleichzeitig auf Distanz halten sollen. Eine befreundete 95-jährige Frau sagte mir heute am Telefon, sie habe in ihrem ganzen Leben noch nie etwas Ähnliches erlebt, im SeniorInnen-Zentrum sässen sie nun plötzlich weit auseinander beim Essen. Die körperliche Identität ist irritiert, der Körper möchte einfach nicht virtuell sein!



19. März - Dieter Wartenweiler

Es ist eigenartig. Die Sonne bringt uns den Frühling mit voller Kraft, es ist warm, die ersten Blumen spriessen, das Gras beim Zendo ruft schon nach dem Rasenmäher und die Vögel singen ihr Lied. Und zugleich liegt nicht die gewohnte morgendliche Stille über dem Land, sondern eine sonderbare. Eben war ich noch in Südfrankreich, und dort kam es mir frühmorgens vor, als wäre ich der einzige Mensch auf dieser Welt. Der Übriggebliebene nach der grossen Katastrophe. Und ich dachte: wie lange kannst du allein überleben? Ohne Austausch, ohne im Dorfladen einkaufen zu können, ohne jedwelche Versorgung? Vielleicht einige Tage, im besten Fall einige Wochen. Oder doch länger - wie Robinson Crusoe auf der Insel?

Es wäre ein spezielles Leben. Die Einsiedelei in Reinkultur. Endlose Introversion. Keine Antwort auf nichts. Im Zen heisst es, man dürfe nicht in der Leere hängen bleiben. Aber da ist gar keine Leere. Es wäre einfach das Leben unter anderen Umständen. Keiner kann für ewig ins Nicht-Sein versinken. Die Vögel singen ihr Lied weiterhin, mit und ohne Meditation. Die Blumen spriessen für Gesellschaftsmenschen und für Einsiedler. Virusbedingte Ein-, Zwei- oder Familiensiedler haben einfach ein etwas anderes Leben als sie sich es vielleicht vorher gewohnt waren.

Ein Freund von mir ist speziell gefährdet, da er nicht nur eben seinen 75-jährigen Geburtstag hatte, sondern weil er auch "vorerkrankt" ist, wie es so schön heisst. Vor dem Virus war er schon krank. Vor nicht langer Zeit habe ich ihn im Spital besucht, und ich sah, wie abgemagert er war - fast kannte ich ihn nicht mehr. Er war früher beleibt, ein Genussmensch, und hat das Leben aus vollen Zügen ausgeschöpft. Er ist aber auch ein spirituell ganz wacher Mensch (und man sieht - beides geht zusammen). Vor einigen Tagen hat er mir per WhatsApp geschrieben: "Interessant ist für mich zu erfahren, wie mein Avatar (Körper samt Rest-Ego) reagiert. Immer mehr komme ich mir vor wie in einem Film oder Traum und sehe das alles aus weiter Ferne, aus einer grossen Stille heraus."

Man ist gerne geneigt, aus schönen Worten eine Schlussfolgerung zu ziehen. So etwas, wie eine Einsicht, oder eine Empfehlung vielleicht. Das ist aber unnötig. Das Leben spricht für sich selbst.